reflexbox von jürg fraefel

Medien in der Bildungsorganisation – erlebt – überdacht – notiert

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15. April 2009

Dossier Medienkompetenz der Stadt Zürich

juergfraefel in Medienbildung, schulisches Medienprofil

dossier_medienkompetenzIn diesen Tagen hat die Stadt Zürich das Dossier Medienkompetenz an alle Lehrerinnen und Lehrer der Stadt verteilt. Und bereits steht das Dossier zum Download bereit; hier. Das Dossier wurde vom Fachbereich Medienbildung, resp. dem Dept. Beratung & Schulentwicklung der PHZH erarbeitet. «Wer in der Mediengesellschaft bestehen will, muss auch in der realen Welt bestehen können.» So umschreibt Stadtrat Gerold Lauber die Notwendigkeit umfassender Medienkompetenz. Das Dossier beschreibt in kurzen Kapiteln Unterrichtssituationen, in denen Medien als Lernanlässe dienen und gibt Impulse für den Unterricht zu medienbildnerischen Themen. Zum Schluss wird die Funktion von Medien in der Schule als Aspekt des Schulprofils beschrieben. – Wir sind gespannt auf das Echo im Schulfeld.

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08. März 2009

Medienpädagogik in Ganztagsschulen

juergfraefel in Medienbildung, Mediengesellschaft, Schulentwicklung, schulisches Medienprofil

Die Zeitschrift für Medienpädagogik «merz» hat die Februar-Ausgabe mit Beiträgen zum Thema «Medienpädagogik in Ganztagsschulen» herausgegeben. Hier geht es zum Verlag. Ich habe in dieser Ausgabe einen Artikel unter dem Titel «Schulisches Medienprofil und Ganztagsschule» veröffentlicht. Ich lege in dort meine These dar, dass für eine nachhaltige Medienintegration in die Schule Massnahmen in allen Handlungsfeldern vorgesehen werden müssen; auf den Ebenen Unterricht/Schüler, Personal/Lehrperson, Schulteam, Organisation/Schulleitung und Eltern/Umfeld. Hier geht es zum pdf des Artikels.

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24. November 2008

Eindrücke von der GMK-Tagung in Rostock – «Wir müssen wegkommen von einer einseitigen Orientierung auf die Medien.»

juergfraefel in Diverses, Organisationsentwicklung, schulisches Medienprofil

Meine ersten Eindrücke von Rostock bestanden aus einem Kaleidoskop internationaler Markenhäuser und Verteilerketten. Alle sind sie an der Rostocker Köbelingerstrasse anzutreffen: dicht gedrängt stehen McDonalds, Burger King, H&M, Tommi Hilfiger, Kaufhof, Saturn und … – Ich sorge mich ernsthaft um die Befindlichkeit eines Rostocker Handwerkers, welcher mit 1100 Euro monatlichem Gehalt durch die Marmor- und Glitzerwelt an der Köbelingerstrasse spazieren darf. An der Zürcher Bahnhofstrasse finde ich kein vergleichbar dichtes Angebot. Zürichs Nobelstrasse ist da vielleicht auch «weiter» (–;, sie entwickelt sich langsam zu einer Monokultur; kürzlich hat die dritte (!) H&M-Filiale an der Bahnhofstrasse eröffnet.

Derweil wollen wir an der GMK-Tagung die Probleme dieser Gesellschaft mit Vermittlung von Medienkompetenz zu lösen… Ich höre von ermutigenden medienpädagogischen Initiativen und Projekten wie beispielsweise der E-Learning-Plattform Schola 21 (www.de.schola-21.de), das Projekt schulische Medienbildung MV (Mecklenburg-Vorpommern; www.medienundschule.inmv.de) oder die Initiative Medienbildung an Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz (www.medienundbildung.com), einem Angebot, welches Ganztagesschulen Unterstützung in medienpädagogischen Projekten anbietet, uam.

Ein Thema, so scheint mir, zieht sich durch die gesamte Tagung: In plenaren Vorlesungen, Workshops und schliesslich im abschliessenden Podiumsgespräch kommt vielfach zum Ausdruck, wie Ben Bachmair in seinem Referat ausführt: «Wir müssen wegkommen von einer einseitigen Orientierung auf die Medien». Die Probleme unserer Gesellschaft sind vielfältiger und teilweise sehr drückend geworden. Es gibt viele neue Veränderungspunkte in Gesellschaft und Schule, die sich teilweise schnell abwechseln, beispielsweise die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, die etwa 20% aller Jugendlichen, die durch alle schulischen Netze fallen oder die Integration des informellen Lernens mit mobilen Medien. Es ist nicht mehr sinnvoll, einseitig von der Medienbildung her zu argumentieren. Notwendig ist eine grundsätzliche Analyse: Welche Ressourcen benötigen die Jugendlichen zur Teilhabe an dieser Wissens- und Mediengesellschaft? Und dazu ist wohl mehr notwendig als Medienkompetenz, sei der Begriff noch so «umfassend» verstanden…

Weiter wird moniert: Die Schule steht in Kontrast mit ihrer relativen Starrheit gegenüber den schnellen Veränderungen, welche die Mediengesellschaft mit sich bringt. Da ist die Vielfalt der bestehenden medienpädagogischen Schulen nicht unbedingt dienlich, wie ein Teilnehmer in der öffentlichen Diskussion zu Bedenken gibt. Und mit jeder neuen Technologie werden die bestehenden medienpädagogischen Konzepte teilweise neu erfunden. Man wünscht sich ein stärkeres Setzen auf kontinuierliche, aufbauende Medienarbeit. Zu oft sind medienpädagogische Initiativen als Projekt angelegt. Und mit jedem neuen Projekt beginnt die Arbeit ein Stück weit von vorn.

Was mir dazu in den Sinn kommt: Die Integration von Medienbildung in die Schule beginnt tatsächlich meist mit der Durchführung eines konkreten medienpädagogischen Projekts. Solche Schulprojekte sind ein Mut machender Anfang: Die Lehrpersonen machen gute Erfahrungen mit medienpädagogischer Arbeit im Unterricht, sie fassen Vertrauen und werden offen für mehr. Jetzt erst folgt die eigentliche Arbeit: Was mit freiwilligen Projekten begann, sollte in einem zweiten Schritt verbindlich festgemacht werden. Ein pädagogisches Medienkonzept ist notwendig. Darin wird vereinbart, was genau auf welcher Schulstufe getan und was erreicht werden soll (minimale Ziele etc.). Die Umsetzung des Medienkonzepts wird in Schulprogramm und Jahresprogrammen geplant, also im Rahmen eines Schulentwicklungs-Prozesses. Die meisten Schulen tun gut daran, diesen handelnden Weg zuerst einzuschlagen, um dann in einem zweiten Schritt über den konzeptionellen Weg das Erreichte festzumachen. (siehe auch früherer Blog-Eintrag). Ob der konzeptionelle Weg auch zuerst beschritten werden kann? – Dies kann für Schulen einer grossen Stadt sinnvoll sein: Die Schulbehörde gibt zuerst einen konzeptionellen Rahmen vor, innerhalb dessen die Schule ihr Profil entwickeln kann, unter anderem ein Medienprofil.

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25. Oktober 2008

Schulkultur – Ein Augenschein

juergfraefel in Schulentwicklung, schulisches Medienprofil

Ich betrete die Eingangshalle des Schulhauses: prächtige Schülerarbeiten und kunstvoll geschmückte Texte mit Aussagen von Schülerinnen und Schülern hängen an den Wänden. Ich gehe vorbei an einer offenen Schultür, höre Schülerstimmen, es tönt nach fröhlichem Arbeiten. Weiter vorn stehe ich vor einem riesigen Wandplakat, bestehend aus einer Vielzahl von einzelnen Puzzleteilen. Jedes Teil enthält ein Bild und eine kurze Aussage von einer Schülerin oder einem Schüler.

Ich begleite einen Schriftsteller, bei seinem Besuch in einer Klasse. Er schreibt im Rahmen des Projekts «Schulhausroman» mit dieser Klasse einen solchen, wir haben also nicht direkt mit der Schule zu tun. Der «warme» Empfang durch das Schulhaus hat mich berührt. Schon beim Betreten des Schulhausareals sind mir die vielen bewusst gestalteten Nischen im Gelände aufgefallen: vielfältige Sitzgelegenheiten, Hocker, Tische; mehrere Tischtennis-Tische, eine mit «Spielkiste» beschriftete Truhe, ein mit «Pausenkiosk» gekennzeichneter Stand. Ein schulischer Lebensraum, der anspricht.

Wir erreichen das Teamzimmer kurz vor der grossen Pause. Einzelne Lehrpersonen sind schon da. Man kommt auf uns zu, begrüsst uns, lädt uns zu einem Kaffee ein. Auch hier fällt die Raumatmosphäre auf: Ein langer Tisch als zentrales Element, daneben eine gemütliche Sitzgruppe, leicht abgetrennt aber gleich daneben der gemeinsame Vorbereitungsraum. An einer Wand entdecke ich einen Leitsatz: «…». Daneben daneben ein wandfüllendes Kinoprogramm, weiter ein Gestell, beschriftet mit «mediengestützes Lernen». Darin befinden sich Unterlagen zu neuer Software und Artikel zu Medienthemen.

Ich trete näher an die Infowand. Wieder eine Abbildung mit Puzzleteilen, ähnlich derjenigen, die ich im Eingangsbereich entdeckt hatte. Diesmal bestehen die Puzzleteile aus Begriffen wie «Lernatelier», «Lerncoach», «Ganztagesbetreuung» etc. Offensichtlich geht es um ein Entwicklungskonzept der Schule, ein Konzept, wie diese Sekundarschule künftig ausgestaltet werden soll. Ich finde weiter Artikel (pdf) aus der Tagespresse, in welcher der Schulleiter das künftige Schulprofil beschreibt. Das neue Schulprofil bedarf der Zustimmung der Behörde und unmittelbar an diesem Tag soll die Konsultativabstimmung im Lehrkörper stattfinden. Schnell bin ich im Gespräch mit den Lehrpersonen. Ein älterer Lehrer erklärt mir mit viel Nachdruck, dass die herkömmliche Aufteilung in Leistungsklassen (Sek A, B, C) aus seiner versagt habe, die Leistungsfähigkeit und Ansprüche seien zu vielfältig. Es führe kein Weg mehr vorbei an einem Schulmodell mit individueller Schülerförderung, die Lehrperson müsse vermehrt zum Lerncoach werden. Und die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern, das Lernklima sei doch zentral.

Die Ausführungen der Lehrpersonen hören sich für mich einleuchtend an. Die Umgestaltungspläne dieses Schulteams passen nach meinem kurzen Augenschein offensichtlich zum bereits gestalteten Schulraum. Da wird aus meiner Sicht bereits eine lebendige Schulkultur gelebt, es wird ein Lern- und Lebensraum gestaltet, der anspricht. Und dies geschieht nicht mit dem Verfassen eines ehrgeizigen Schulkonzepts, das dann nach Plan umgesetzt werden soll. Das heisst, der Plan besteht natürlich auch, doch dieser, so scheint es, ist in organischer Weise aus der bisherigen Entwicklung entstanden und setzt diese wohl fort. Es ist dieser Schule zu wünschen, dass sie die rechtlichen Hürden meistern darf.

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19. Oktober 2008

Schulkultur – Die harte Nuss in Veränderungsprozessen

juergfraefel in Medienbildung, Schulentwicklung, schulisches Medienprofil

Ich bereite mich auf ein Referat zu «Medienbildung und Schulentwicklung» vor und habe mich dazu einige Tage in Klausur begeben. Ich gehe der Grundfrage nach, welche Bedingungen für die erfolgreiche Integration von Medien in den Unterricht erfüllt sein müssen. Ich befinde mich also an der Nahtstelle zwischen Schulentwicklung und Medienintegration, ein Thema, welches mich vor einigen Jahren im Schulfeld als Schulleiter, früher als ICT-Verantwortlicher beschäftigte und heute aus der Perspektive des Beratenden von Schulen in ihrer Integrationsarbeit weiter begleitet.

Medienintegration in den Unterricht ist wie so oft vernommen ein meist ein beschwerlicher Weg. In den letzten Jahren wird in verschiedener Literatur darauf hingewiesen, Medienintegration in die Schule müsse als ein Schulentwicklungsprozess verstanden werden und es müsse bei der Veränderung der «Schulkultur» angesetzt werden (z.B. Moser 2005, S. 34; Tulodziecki & Herzig 2002, S. 185).
Im Forschungsbericht «ICT-Nutzung an High-Tech-Schulen» (Elsener, Luthiger, & Roos 2003) (pdf) wird ein direkter Zusammenhang zwischen der «ICT-Kultur» an der jeweiligen Schule und der Intensität und Qualität der Nutzung der zur Verfügung stehenden ICT-Geräte nachgewiesen. Die Intensität der Nutzung ist dann höher, wenn die Lehrpersonen vom pädagogischen Nutzen der Medienintegration in den Unterricht überzeugt sind und wenn entsprechende Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen.
In meiner Masterarbeit «Schule mit Medienprofil» (Fraefel 2007) habe ich Wege zur Entwicklung eines schulischen Medienprofils aufgezeigt und die Verbindungen zwischen Medienintegration – Schulentwicklung – Schulkultur zusammen getragen. Schulkultur ist demnach ein sehr komplexes Konstrukt. Ich versuchte, den Aspekt der Teamkultur in einer Grafik zu illustrieren (Fraefel 2007, S. 47):

Mich befriedigt meine Grafik nicht mehr so recht. Sie gibt keine schlüssige Antwort darauf, was Teamkultur oder eben Schulkultur denn nun wirklich ist. Und vor allem interessiert, wie diese Schulkultur, welche so entscheidend für Veränderungsprozesse ist, beeinflusst werden kann. Und wenn eine Veränderung festgestellt werden soll, dann müsste diese in irgendeiner Form «gemessen» werden können. Folgendes habe ich in meiner kurzen Recherche gefunden:

Zum Begriff der Schulkultur findet sich ein aufschlussreicher Artikel auf www.schulpaed.de (Chott, 1997). Eine bemerkenswerte These zur Schulkultur habe ich auf der Website der Universität Münster zu «Schule als soziale Institution» (pdf) (Grundmann, 2006) gefunden: «Schulkultur bestimmt sich daher über das Mass, in dem die an Schule Beteiligten aufeinander bezogen sind, miteinander kommunizieren und sich beider Gestaltung der Schule unterstützen, mithin mit ihrer Schule identifizieren.»

Eine Übersicht zu Forschungsergebnissen zum Zusammenhang von Schulkultur und Medienintegration finden sich u.a. auch hier: Barras & Petko (2007, S. 99) (pdf); Petko, Mitzlaff & Knüsel (2007, S. 4) (pdf) und Eickelmann & Schulz-Zander (2008) (pdf).

Lampe, Trebing, Rester & Zentgraf (2008) (pdf) berichten von einem Schulentwicklungsprojekt «Schule interaktiv». Die Deutsche Telekom Stiftung und die TU Darmstadt führt mit vier Projektschulen in verschiedenen Deutschen Bundesländern seit 2005 das Projekt «Schule Interaktiv» durch. Seit Sommer 2008 sind 15 weitere interaktive Partnerschulen hinzugekommen, die zwei Jahre lang von den Projektschulen begleitet und im Bereich medienpädagogische Schulentwicklung gecoacht werden. Die Schulen erhalten einerseits Projektberatung bei ihrer medienbezogenen Weiterentwicklung und bei der Entwicklung von entsprechenden Unterrichtsprojekten. Andererseits wird der Entwicklungsstand der Schulen laufend evaluiert. Die Zwischenevaluationen haben die Funktion, den Schulteams neue Impulse zu geben (a.a.O. S. 4). Bemerkenswert fand ich unter anderem den Podcast, welcher Einblick in die Unterrichtsprojekte gibt sowie eine Liste von praktischen Tipps der Lehrpersonen. Der erste Tipp tönt lapidar, doch ist er wohl zentral: «Man darf nicht ungeduldig sein und den gesamten Lehr- und Lernprozess sofort auf den Kopf stellen wollen, sondern man muss schrittweise anfangen».

Meine vorläufigen Thesen, wie die Schulkultur weiterentwickelt werden kann:

  • Durch verstärkten Zusammenhalt und intensivierte Zusammenarbeit im Schulteam; Entwicklung eines WIR-Gefühls.
  • Durch die Einigung auf eine gemeinsame pädagogische Basis: Was ist uns wichtig? Für welche pädagogischen Werte stehen wir ein? Inwiefern wollen wir Medienbildung als zentrales Element einer umfassenden Bildung in unseren Unterricht integrieren?
  • Durch die Einigung auf eine (minimale) Verbindlichkeit: Wer vermittelt auf welcher Stufe welche medienbezogenen Inhalte und Arbeitsweisen? etc.
  • Durch gemeinsame Unterrichtsprojekte einer Gruppe interessierter Lehrpersonen oder des ganzen Schulteams.
  • Durch pädagogische Beratung der Lehrpersonen; d.h. individuelle Beratung der einzelnen Lehrpersonen, durch Workshops, wo grundlegende Anwenderkompetenzen und – mindestens so wichtig – konkrete pädagogische Szenarien vermittelt werden.
  • Dadurch, dass die Lehrpersonen ihren eigenen Unterricht erforschen und kritisch hinterfragen (Altrichter & Posch 2007)
  • Durch die persönliche Einsicht jeder Lehrperson: «Aha, deshalb ist Medienbildung zentrale Voraussetzung für das Leben in einer Mediengesellschaft») und das persönliche Erleben, wie wichtig eine umfassende Medienkompetenz für sich selbst ist.

Einsicht kann durch Schulung und Beratung vermittelt werden. Das Erleben deutet auf die emotionale Komponente hin. Echte Veränderung findet meiner Meinung statt, wenn Intellekt und Emotion gleichzeitig angesprochen werden. Doch wie kann die Emotion angesprochen werden? Da wäre das (Rollen)spiel als emotionales Instrument, dann der Film als ein Medium, welches Emotionen gut transportieren kann und… On vera bien…

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14. September 2008

«Die Epoche der Computerfreak ist abgeschlossen!»

juergfraefel in Bildungspolitik, Pädagogische Beratung, Schulentwicklung, schulisches Medienprofil

So rief Hans Ambühl, Generalsekretär der Eidgenössischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) den Zuhörerinnen und Zuhörern an der SFIB-Fachtagung von letzter Woche zu. Die Verantwortung zur Integration des Computers und anderer Medien, so Ambühl, könne nicht länger ein Anliegen einzelner engagierter Lehrpersonen sein, welche für die Infrastruktur in den Schulhäusern verantwortlich zeichnen. Mit diesen eindringlichen Worten eröffnete Hans Ambühl die 10. Fachtagung des SFIB in Zusammenarbeit mit educa.ch, währenddem er die sechs Handlungsfelder der ICT-Strategie der EDK im Bereich ICT und Medien vorstellte. (pdf Präsentation Hans Ambühl)

Die anschliessenden Referate und Workshops sollten die sechs Handlungsfelder konkretisieren. Mein Referat ordnet sich dem Handlungsfeld sechs zu: «Günstige Rahmenbedingungen für die Kantone und Schulen schaffen», dies bezüglich Technologie, der Professionalisierung der technischen Unterstützung sowie der Weiterentwicklung des pädagogischen Supports. Ich stellte das Referat unter den Titel «Einsame Informatikverantwortliche – oder was Medienintegration in den Unterricht mit Schulentwicklung zu tun hat.» Damit nahm ich ohne dies vorher geplant zu haben, den Ball von Ambühl ab, indem ich in meiner Argumentation die Entwicklungsphasen einer Organisation den Phasen der ICT-Integration in den Unterricht gegenüber stellte:

Meine Beobachtungen der aktuellen Situation der ICT-Integration in die Schule basieren auf Gesprächen mit ICT-Verantwortlichen im Rahmen des Zertifikatslehrgangs PICTS und auf Beratungsaufträgen im Schulfeld. Viele Schulen befinden sich aus meiner Sicht noch in der so genannten «Pionierphase» (Glasl 1996; siehe Grafik unten). ICT in Unterricht und Schule ist in dieser Phase das Anliegen von Einzelpersonen; Sie stehen für das Anliegen mit ihrer Person und ihrem Engagement ein. Die Einzelaktivitäten sind ermutigend, jedoch untereinander nicht abgesprochen und nicht aufbauend; Ein «Mehr vom Gleichen», oder eine «additive Medienschule», wie Schnoor (1998) diese Phase nennt. In der nachfolgenden «Differenzierungsphase» sind u.a. Strukturen und Verbindlichenkeiten der ICT-Nutzung zu schaffen. Diese Strukturierungsphase ist notwendig, obwohl sie Kräfte bindet und oft mit einem Nachlassen der praktischen ICT-Aktivitäten einher geht. In der nachfolgenden «Integrationsphase» wird sich die Schule im Team vernetzen und in der «Assoziationsphase» verstärkt wieder nach aussen orientieren müssen. Damit tritt die Schule den langen Prozess in Richtung «selbst erneuernde Medienschule» (Schnoor 1998) an. Die Schule erachtet ICT und andere Medien als Qualitätsmerkmal eines schüler- und bedarfsorientierten Unterrichts: Unterrichtsformen und Inhalte, welche die Schülerinnen und Schüler auf ein Leben in einer Medien- und Wissensgesellschaft vorbereiten.

Dieser mehrjährige Prozess kann u.a. gelingen, wenn sich die Promotoren von ICT in der Schule zusammen tun: Schulleitung, ICT-Verantwortliche sowie eine zu gründende «Arbeitsgruppe Medien und Schulentwicklung» (oder ähnlich). Wenn diese Promotoren gemeinsam die Medienintegration als einen Teil der allgemeinen Schulentwicklung planen, wenn sie den Mut aufbringen, das heikle Thema «Verbindlichkeit» im Schulteam ansprechen: Man einigt sich im Schulteam auf verbindliche Mindestziele und -inhalte. Es ist im Team vereinbart, dass jede Lehrperson einmal pro Semester mit der pädagogischen ICT-Beratungsperson zusammensitzt, um eine Unterrichtsreihe mit ICT gemeinsam vorzubereiten. Oder die jährliche Medienprojektwoche im Schulhaus wird zum Standard…

Seite aus Präsentation von Jürg Fraefel. Orange eingezeichnet ist der genelle Stand von ICT in den Schulen. Diser reicht je nach Entwicklungsstand von der «sporadischen Medienschule» bis noch sehr vereinzelt der «selbst erneuernden Medienschule» (Schnoor 1998).

> Download pdfs der Präsentationen

> Blogeintrag von Rolf Deubelbeiss zur SFIB-Fachtagung

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07. Juli 2008

Medienbildung als Instrument gegen soziale Ungleichzeit?

juergfraefel in Bildungspolitik, schulisches Medienprofil

Letzte Woche hatten wir Horst Niesyto bei uns im Fachbereich Medienbildung der PHZH zu Gast. Er referierte zum Thema: «Soziale Ungleichzeit und die Rolle der Medienbildung». Nach einem Co-Referat von Heinz Moser zum «Digital Divide» diskutierten wir die Frage, inwiefern wir Themen um den Digital Divide in Ausbildung, Weiterbildung und Forschung vermehrt aufnehmen sollen.

Ich überlege mir nun, was der Digital Divide mit der systematischen Informatikintegration in die Schule zu tun hat: In den 90er-Jahren argumentierte man damit, die Schulen müssten mit Computern ausgerüstet werden, um Chancengleichheit zu bewirken, denn nicht alle Kinder hätten zu Hause Zugang zu Computer und Internet. Damit implizierte man, mit der Ausrüstung von Computern sei das Notwendige getan. Inzwischen wissen wir, dass ein Computer im Schulzimmer allein weder bewirkt, dass dieser auch wirklich im Unterricht eingesetzt wird, noch hilft dieser zur Überwindung sozialer Ungleichheit.

Heute sieht die Situation so aus, dass in vielen Haushalten mit Migrationshintergrund Fernseher mit Satellitenempfang und Computer mit Internet-Breitbandanschluss stehen. Jugendliche mit Migrationshintergrund nutzen Computer und Internet vornehmlich zum Spielen und zum Downloaden von Filmen und Videoclips. Während Jugendliche aus der Bildungsschicht das Internet tentenziell eher zu Kommunikationszwecken nutzen. Der Digital Divide ist demnach nicht ein technisches, sondern viel mehr ein soziales Problem.

Kann da die Schule hier kompensatorisch wirken und die Schülerinnen und Schüler jeder sozialer Herkunft mit aktiver Medienarbeit zu «sinnvoller» Mediennutzung bringen und ihnen damit Chancengleichheit anbieten? Oder steht ihnen die skeptische Grundhaltung der Lehrpersonen gegenüber dem Nutzungsverhalten der Jugendlichen im Wege? Etwa die Ansicht, dass die schnellen Daumen der Gamer bestimmt weniger nützlich seien als Recherchekompetenz im Internet.

Ob da systematische Medienbildung in der Schule als ein Instrument zur Arbeit an der sozialen Ungleichheit dienen kann? Es könnte sich ein (weiteres) Argument für die Medienintegration in den Unterricht zu erhalten – sofern Argumente notwendig ist, um Medien nachhaltig in die Schule zu integrieren…

Digitale Spaltung - digitale Chancen (Niesyto 2002) (Download pdf)

Die Vorträge von Horst Niesyto und Heinz Moser werden in den nächsten Tagen im Fachbereichsblog veröffentlicht.

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18. Juni 2008

Freie Schulwahl und Schulprofil

juergfraefel in Bildungspolitik, Schulentwicklung, schulisches Medienprofil

Heute Morgen bin ich im Zug auf einen Artikel des Tages-Anzeigers bezüglich freier Schulwahl gestossen. (Tages-Anzeiger vom 18. Juni 2008; Seite 10). In den letzten Monaten vernimmt man in vielen Kantonen die Forderung der Elternlobby Schweiz, die Eltern müssten künftig die Möglichkeit haben, ihrer Kinder in die Schule ihrer Wahl zu senden. Sie sollen dafür sog. Bildungsgutscheine erhalten und diese auch in Privatschulen einlösen können. Die Privatschulen ihrerseits sollen dazu verpflichtet werden auf alle Eintrittsgesuche einzugehen. Im Kanton Zürich soll dazu im Spätsommer ein Volksbegehren lanciert werden. In den Kantonen Aargau, Luzern, St. Gallen oder Thurgau werden ebenfalls entsprechende Initiativen vorbereitet.

Der Bericht im Tages-Anzeiger vom 18. Juni beschreibt unter anderem Modelle der freien Schulwahl in Schweden, in den USA und in Kolumbien. Im Beispiel von Schweden fällt auf, dass sich der Staat auf die Vorgabe von organisatorischen Rahmenbedingungen und basaler Lernziele beschränkt. Die Schule ist frei in ihrer Gestaltung der Schulungsform und des Unterrichts, alle Schülerinnen und Schüler müssen jedoch eine landesweit organisierte Prüfung in der 5. Klasse bestehen. Noten gibt es erst ab dem 8. Schuljahr.

Freie Schulwahl bringt die Schulen dazu, allenfalls auch um Kinder «kämpfen» (Tages-Anzeiger) zu müssen. Welche Kriterien sind für Eltern ausschlaggebend? Das umfassende Betreuungsangebot, d.h. die Kinder bereits um 7 Uhr abgeben und um 18 Uhr abholen zu können? Die besondere pädagogische Ausrichtung wie Individualisierung, Montessori-Pädagogik etc.? Spezielle Inhalte wie Schwerpunkte in politischer Bildung, Umweltbildung, Medienbildung?

Im Fall von Schweden zeigt sich, was bei freier Schulwahl auf jeden Fall eintreten kann: Das Schulprofil muss von der Institution transparent gemacht und an die Eltern verständlich kommuniziert werden. Leicht kommunizierbar sind wohl Argumente wie Betreuungsangebote (Entlastung der Eltern), zweisprachiger Unterricht (ermöglicht Mobilität) oder eben der Einsatz von elektronischen Medien im Unterricht. An letztere binden Eltern wohl die Erwartung der Wettbewerbsfähigkeit im Beruf. Wiederum andere Eltern werden allenfalls gegenteilig argumentieren und mehr Primärerfahrungen und soziales Lernen fordern (Montessori-, Steiner-Pädagogik o.ä.).

Nun besteht die Gefahr, dass die Profilierung der Schule einseitig in den Dienst des Wettbewerbs gestellt wird: Welches Profil lässt sich leicht kommunizieren und entsprechend gut verkaufen? Es geht allenfalls nicht mehr um eine möglichst umfassende, ausgewogene Bildung und auch nicht mehr um die Möglichkeit, dass die Lehrpersonen mit einem selbst entwickelten Schulprofil «ihre» Schule mitgestalten können. Dies trägt bekanntlich viel zur Motivation und Arbeitsplatzzufriedenheit der Lehrpersonen bei. So kann die Qualität des Unterrichts mit individualisierenden Lernformen oder handlungsorientiertem Projektunterricht kann je nach gewähltem Schulprofil eventuell ebenfalls nicht mehr im Zentrum sein.

In meiner Publikation «Schule mit Medienprofil» zeige ich Wege auf, wie eine Bildungsorganisation einschulisches Medienprofil entwickeln kann. Ich differenziere zwischen sog. «explizitem Medienprofil» und «Medienprofil als Teilprofil» (Fraefel 2007, Seite 88). Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich der Ansicht, dass das Medienprofil als Teilprofil einer umfassenden Bildung mehr Rechnung trägt: «So setzt eine Primarschule mit hohem Anteil an fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern einen Entwicklungsschwerpunkt in der Sprachförderung, während zwei Sekundarschulen aufgrund ihrer Erfahrungen mit den Lernenden einen Entwicklungsschwerpunkt in Gewaltprävention bzw. in Gesundheitserziehung setzen.» (Fraefel 2007, Seite 24). Die Schule setzt weiter für eine zu planende Schulprogramm-Periode einen Schwerpunkt und fokussiert während dieser Zeit besonders eine bestimmte Profilansicht, um dann in den Folgejahren eine andere mehr zu betonen. Somit ist nicht das Profil als Wettbewerbsfaktor im Zentrum, sondern die ständige Weiterentwicklung einer «guten» Schule, welche einer möglichst umfassenden Bildung verpflichtet ist.

Fraefel 2007, Seite 25)

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18. Mai 2008

Pädagogischer ICT-Support: Wer sagt, das braucht’s und wer sagt so geht’s?

juergfraefel in Pädagogische Beratung, Unterrichtsentwicklung, schulisches Medienprofil

Letzte Woche unterrichtete ich 28 ICT-verantwortliche Lehrpersonen aus der Volksschule, an Berufsschulen und Gymnasien im Rahmen des Weiterbildungsprogramms PICTS. In meinem Modul beschäftigen sich die ICT-Verantwortlichen mit möglichen Formen der Unterstützung, welche sie den Lehrpersonen in ihrem Schulhaus geben können, um ICT zielgerichtet und regelmässig einzusetzen. Es geht um pädagogische Beratung, mögliche Weiterbildungsangebote im Schulhaus, das Initiieren von Unterrichtsprojekten mit ICT-Integration und allgemein um notwendige Schritte zur verbindlicheren Implementierung der sog. «neuen Medien» in die Schulen und in den Unterricht.

Eine Gruppe von engagierten Lehrpersonen der Volksschule fragt kritisch nach: Wenn wir diese 12-monatige Weiterbildung als Pädagogische ICT-Supporterinnen absolviert haben, wird uns unsere Schule mit dem pädagogischen Support beauftragen und mit welchem Pensum? Hat die Bildungsplanung die kommunalen Schulbehörden diesbezüglich informiert, dass es einen pädagogischen ICT-Support braucht? Und wer entscheidet, wie mit ICT im Unterricht gearbeitet werden soll?

Die Lehrpersonen äussern den Verdacht, dass sie hier eine Ausbildung erhalten, welche sie in der präsentierten Form nur punktuell in der Praxis einsetzen können. Man wartet im Schulfeld nicht auf die pädagogischen Supportpersonen. Seit Jahren ist die Integration von ICT in die Schule abhängig von engagierten Lehrpersonen, welche oft aus eigener Initiative zuerst in ihrem Unterricht ICT einsetzen, dann ihre Kolleginnen und Kollegen dazu motivieren. Zögernd findet ICT in geleiteten Schulen Eingang in Schulprogrammen etc, dies aber auch nur auf Initiative der besagten ICT-Verantwortlichen mit Unterstützung von weitsichtigen Schulleitenden.

ICT ist im Zürcher Lehrplan auf der Primarstufe noch immer nicht verpflichtend. Die Gemeinden entscheiden demnach selbst über die Einführung von ICT. Und oft ist man zufrieden, wenn Computer erstmals in den Schulzimmern stehen. Weit entfernt von einer systematischen und über die Stufen hinweg aufbauenden Integration. Die fehlende Unterstützung hat demnach System: Die kantonale Behörde überlässt den ICT-Entscheid den Gemeinden, und wenn die Kisten mal in den Schulzimmern stehen, ist es den Lehrpersonen überlassen, ob und wie sie die Computer einsetzen wollen. Den ICT-Verantwortlichen bleibt nur ein «Motivieren», die Computer doch «es bitzeli meh» zu benützen.

Schade, dass diesen engagierten ICT-Verantwortlichen nicht mehr Unterstützung «von oben» zuteil wird. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich ein Argumentarium selbst zurecht zu legen und Überzeugungsarbeit zu leisten, im Kollegium, bei ihrer Schulleitung und bei der Schulbehörde. Eine unbefriedigende Situation, selbst um Arbeitszeit für pädagogische ICT-Beratung kämpfen zu müssen. Ob der geplante neue Berufsauftrag im Kanton Zürich diebezüglich etwas verändert, ist abzuwarten.

Drei Dinge sind notwendig auf dem Weg zur systematischen Medienintegration in die Schule (siehe Grafik unten): exemplarisches Arbeiten im Unterricht (handelnd), systematische Integration in die Schulentwicklung (konzeptionell) und die Vorgaben seitens Schulbehörde als Basis. Doch damit sind wir in politische Dimensionen vorgestossen; bis das Anliegen von politischer Seite aktiv gefördert wird, ist auch auf dieser Ebene viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Bleibt zu hoffen, dass diesen engagierten Lehrpersonen bis dann der Schnauf nicht ausgeht.

Quelle: Fraefel, Jürg. 2007. Schule mit Medienprofil. Universität Duisburg. Seite 79. Download

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