reflexbox von jürg fraefel

Medien in der Bildungsorganisation – erlebt – überdacht – notiert

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27. November 2008

«Die digitale Erlösungslehre» – Artikel in der «Zeit»

juergfraefel in Bildungspolitik, Mediengesellschaft, Weiterbildung

«Die Zeit» publiziert in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 48) einen angriffigen Artikel zum obigen Titel. Download hier.

Susanne Gaschke vergleicht dabei Versprechungen rund um Digitalisierung und ICT mit Verheissungen des Kapitalismus. Die Autorin mokiert sich über den Ausdruck «Wissensgesellschaft», welcher die unbeschränkte Verfügbarkeit vovn Wissen beschreiben sollte und meint: «… dass die Information unter unseren Fingerspitzen immer noch mühsam gelesen, bedacht, verstanden werden muss, bevor sie tatsächlich zu Wissen wird, spielt in ihren (sie bezieht sich auf eine Formulierung von Microsoft resp. von Bill Gates) Publikationen eine untergeordnete Rolle.» Trotz einiger Polemik gegen Medientechnologie und Schwarzpeter-Haltung gegenüber ICT gibt der Artikel zu denken, wenn Gaschke fragt: «Lernen Menschen durch die neue Technik mehr als zuvor, verstehen sie unsere Gesellschaft besser, sind sie urteilsfähiger, sind sie politischer – oder können sie sich wenigstens besser konzentrieren?» Die Autorin räumt aber auch die positiven Errungenschaften der Medientechnologie ein, sie mag E-Mails nicht missen und spricht von einer «ganzen Liste von Segnungen», es gehe nur um die «schädlichen Nebenwirkungen der digitalen Kultur».

Szenenwechsel: Eine Kollegin erzählt mir von einer kürzlich durchgeführten Weiterbildung in einer Schule. Sie hätte Lehrpersonen in die Grundlagen der Textverarbeitung einweihen müssen. Der korrekte Mausklick habe vielen arg Probleme bereitet. – Auf dass diese Personen damit von ihrer Ignoranz gegenüber ICT «erlöst» worden seien. Willkommen in der Wissensgesellschaft.

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11. Mai 2008

Mogelpackung-Bericht zum Zweiten

juergfraefel in Personalentwicklung, Weiterbildung

Erholsame MTB-Tour heute Morgen (siehe Bild) mit einem Kollegen. Zeit also für Austausch, auch über die Arbeit. Er: Abteilungsleiter in einer ICT-Firma; Abnehmer von Weiterbildungs- angeboten.

Ich: Anbieter von Weiterbildungsangeboten. Thema: Guggenbühls Artikel «Weiterbildung als Mogelpackung» (siehe Blogeintrag vom 1.5.08); Im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis: Inwiefern kann es gelingen, als professionelle Weiterbildungsfachperson Berufspraktikern Inputs zu geben, welche sie auch tatsächlich in ihrer beruflichen Praxis umsetzen können?

Ich ereifere mich (passte atmungstechnisch bestens zur Velofahrt) und holte aus: Klar stehe ich als Weiterbildungsexperte nicht mehr unmittelbar in der beruflichen Praxis. Ich kenne diese jedoch aus der eigenen Erfahrung und – sehr wichtig – aus den Schilderungen der Praktiker in Weiterbildung und Beratung. Als professionelle Person gelingt es mir, die persönlichen und über Teilnehmerkontakte erhaltene Praxiserfahrungen einordnen, auswerten und in Relation zu theoretischen Modellen zu setzen.

Voraussetzung, dass diese stets aktuelle Quelle der Praxiserfahrung funktioniert: Ich bin bereit, den Teilnehmenden zuzuhören, d.h. es besteht Raum, mitgebrachte Erfahrungen mitzuteilen, zu vergleichen, zu verarbeiten.

Wir sind mit dem Fahrrad auf dem Gipfel angekommen. Vor uns ein atemberaubendes Panorama. – Zu vergleichen mit der Funktion einer gelungenen Weiterbildung, die da anbietet: Inne halten; Welchen (beruflichen) Weg habe ich zurückgelegt? Was funktionierte gut? Was weniger? Wie siehen meine nächsten Schritte aus? – Für uns geht’s erstmals rollend ins Tal…

Kein Kommentar
01. Mai 2008

Weiterbildung als Mogelpackung (?)

juergfraefel in Weiterbildung

Auffahrt: ein paar Tage frei; Zeit, um die gestapelten Fachzeitschriften und der Tageszeitung entnommene Artikel in Ruhe zu studieren. Darunter die Bildungsbeilage der NZZ vom 21. April 2008: Allan Guggenbühls Artikel «Weiterbildung als Mogelpackung». Der Lead verpasst seine Wirkung nicht und weckt meine Aufmerksamkeit: Ein Experte für Burnout zitiert vor versammelter Lehrerschaft massenhaft wissenschaftliche Studien – und provoziert prompt den Einwand einer Zuhörerin, ob er selbst überhaupt Kontakt mit Burnout-Kranken habe. Seine Ausführungen sind ihr offensichtlich zu weit von der beruflichen Praxis entfernt.

Darauf breitet Guggenbühl das Malaise der professionellen Weiterbildner aus: ihre Praxisferne und die einseitige Abstützung auf wissenschaftliche Theorien und Studien. Es ginge im aktuellen Weiterbildungstrend mehr darum, sich ein aktuelles Vokabular anzueignen sowie um das Erlangen eines Abschlusses. Die Teilnehmenden hätten sich eh arrangiert und würden ihre persönliche berufliche Praxis ausblenden. Resultieren würde im Grund genommen keine Veränderung im praktischen Handeln, weil eben Bezüge zur Praxis fehlen würden. Guggenbühl rät: «Die konkreten Erfahrungen und Handlungstheorien der Kundschaft sollen Ausgangspunkt der Weiterbildung sein.» Das intuitive Wissen, worauf das Handeln in der Praxis basiere, müsse «herausgespürt, reflektiert und kritisch hinterfragt werden».

Ich vergleiche mit meiner eigenen Praxis als Weiterbildner: Vorwissen (intuitive Theorien) abholen; anreichern mit Handlungsalternativen und theoretischem Hintergrundwissen; vergleichen lassen mit der eigenen beruflichen Realität; Schritte zur Umsetzung in der Praxis selbst entwerfen. Dies kommt den Vorschlägen von Guggenbühl wohl recht nahe – und es entspricht einem konstruktivistischen Lernverständnis (Vorwissen abholen, eigentätige Auseinandersetzung, Reflexion u.a.).
Ich will Guggenbühls Artikel als pauschale Beschuldigung der professionellen Weiterbildner abtun, ärgere mich etwas über den reisserischen Lead, denn theorieversessene Kursleitende gab es schon immer… – Aber finde ich nicht doch ein klein wenig mich selbst in dieser Beschreibung? Ich decke die Teilnehmenden meiner Weiterbildungen vielleicht manchmal ebenso vorschnell mit (hoffentlich nützlichen) Modellen und Konzepten ein, bin auf wissenschaftliche Fundierung bedacht. Ob es wohl doch so ist, dass ich mich nach fünfzehn Jahren Arbeit in der schulischen Praxis heute in der Theorie wohler fühle? Habe ich die Geduld und gebe ich den notwendigen Raum, die Teilnehmenden aus ihrer beruflichen Praxis erzählen zu lassen? Oder beharre ich auf einem planbaren Ablauf meiner Weiterbildungen? Es liegt auf der Hand, dass mir heute der Einblick in die berufliche Praxis fehlt. Da will ich doch dieses «Fenster zur Praxis» nutzen, welches mir die Teilnehmenden bieten. Damit würden wir beide ein Stück weit zu Lernenden.

Guggenbühl hätte dem zitierten Experten für Burnout geraten, mit einem erschöpften Lehrer selbst zu sprechen. Parallele zu mir: Ich bin daran, einen Fachartikel über Wissensmanagement in Schulteams zu verfassen. Ich kann auf meine berufliche Praxis als Schulleiter und auf wissenschaftliches Hintergrundwissen sowie auf meine Beratungstätigkeit im Schulfeld zurückgreifen. Reicht das? Ich nehme mir vor, mindestens zwei Schulleitern zur Thematik ein ausgedehntes Gespräch zu führen und werde sie bitten, meine Modelle zu kommentieren. Merci, Allan Guggenbühl. Und Sie; wie bleiben Sie «dran» an der beruflichen Praxis?

weiterbildung-alsmogelpackung_guggenbuehl_080421

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